Stromzapf für Frischemann


Wie er seinen Alltag überraschend clever arrangiert.

 

≈ Morgens um zehn aufm Weg zur Notaufnahme. Kein Ernstfall, nur eine dringende, medizinische Frage klären. S-Bahn ist klimatisiert und draußen scheint die Sonne. Hinter der Fensterscheibe heimlich ganz Passanten beobachten, das Treiben auf der Straße. Allein das schon spannend. Und dann dieser Mann an einer der letzten Haltestellen. Also auf dem Grünstreifen dahinter. Steht breitbeinig auf dem Gras, Unterhose runter, mit Rücken zur Bahn.

Eilig angemeldet

Ich vermute, dass er obdachlos ist und gerade seine Morgentoilette absolviert. Rechts neben ihm steht ein Einkaufswagen, vollgepackt mit Krimskrams. Klamotten, Papier, Flaschen – was sich halt minimal aus der Ferne erkennen lässt. Und auf der Parkbank links daneben liegt ein Shirt bereit, dass er sich Sekunden später überzieht. Dann rattert meine Bahn erst mal weiter. Bekannte Haltestelle raus, beim Empfang eilig anmelden und … Platz nehmen. Warten. Wasser trinken. Warten. Die ersten Stunden kommen zwei, drei andere Patienten, erschöpft von der Draußenhitze, melden sich an, setzen sich auf eine der anderen Bänke. Und dann kommt Er.

Frisch eingestöpselt

Eben jener Mann, der mir noch vor einigen Minuten indirekt seinen Popo präsentiert hatte. Er hat eine pralle Einkaufstüte in der linken Hand, stellt sie neben mir ab . Geht rüber zur Empfangsdame und gibt ihr undeutbare Handzeichen. Kommt zurück zu seiner Sammelsurium und pflanzt sich direkt auf den Sitzplatz bei seiner Tüte. Neben mich. Ja. Er riecht. Schweiß, Schmutz. Die Klamotten. Seine Haare. Immerhin brummelt er ein „Hallo“, schnappt seine Tüte und läuft mit ihr zur Toilette. Gefühlte halbe Stunde bleibt er weg. Taucht dann wieder auf, direkt neben mir. Tüte dabei, andere Klamotten. Es riecht nach feuchter Kleidung, vielleicht die alten Socken im WC ausgewaschen. Seine Strubbelhaare jedenfalls strahlen vor Nässe. Er holt aus den Tiefen seines Plastiksacks ein kleines schwarzes Mobiltelefon raus. Noch mit Tasten. Drückt drauf rum. Und wühlt erneut in der Tüte. Ein passendes Netzteil offenbart sich und der nunmehr frische Mann krabbelt unter einen der Wandtische, auf das Altpapier vom Lesezirkel lagert. Minutenlang kriecht er da unten rum, zieht an einer Stromdose bereits eingestöpselte Stecker einfach mal raus. Und sein Netzteil rein. Mit Handy dran, versteht sich. Schüttelt sich nach getaner Arbeit die Hände und kommt zurück an seinen, meinen – unseren Sitzplatz.

Selbstzufrieden ruhend

Mit energischen Wisch räumt er meine Zeitschrift, die ich zuvor auf dem Tisch vor uns gelesen hatte, gen Boden. Platz für ihn. Denn jetzt holt er aus der Sammeltüte einen halben Lebensmittelladen raus. Geschnittenes Brot, Schinken, Käse und Ketchup. Alles zuvor in Plastik verpackt. Jetzt mit einer völligen Gelassenheit meines Sitznachbars auf- und untereinandergestapelt. Stullen halt. Drei oder vier Stück entstehen da neben, besser gesagt vor mir auf dem Tisch. Zwischendurch blickt der Essensbastler immer wieder hoch zur Uhr. So wie alle anderen im Warteraum. Typisch Notaufnahme. Keiner hat einen Termin und hofft doch, dass ErSieEs als nächster aufgerufen wird. Im Gegensatz zu uns anderen psychisch leicht angeschlagenen, nervösen Wartegästen strahlt seine Mimik jedoch eine selbstzufriedene Ruhe aus, um die ich ihn beneide. Natürlich auch um die belegten Brote, nach mittlerweile drei Stunden rumsitzen bekomme ich auch Hunger. Weiterwarten. Blick zur Uhr. Warten. Auch Er beteiligt sich an dem Wechselspiel. Als einer der Zeiger dann klack zur vollen Stunde, steht der Mann auf.

Hörbar atmend

Mit etwas mehr Elan als noch zu Beginn unseres Zusammenseins räumt er seine Frühstücksreste in die Plastiktüte. Geht rüber zum Tisch an der Wand, entstöpselt sein Ladegerät mitsamt Handy und setzt sich wieder. Kurze Verschnaufspause. Ich höre und rieche seinen Atem. Ein letztes Mal wühlt er in seinem Sammelsack, steht auf, brummelt ein „Hm“ und verlässt die Notaufnahme. Punkt aus.

Ausgewogen gefrühstückt

Dass ich weitere zwei Stunden später immer noch keine fachliche Auskunft bekomme haben, ob sich meine neuen Tabletten mit den bisherigen Blutdruckpillen kombinieren lassen – schnurz drauf. Er jedenfalls hat seinen Alltag überraschend arrangiert. Morgenhygiene in der freien Natur, ausgewogenes Frühstück an einem Tisch und sogar kostenlosen Strom gezapft. ≈≈

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

 

Curtis Mayfield - Homeless - Screenshot

Curtis Mayfield als Obdachloser, „trying to keep my pride.“

 

2 Gedanken zu „Stromzapf für Frischemann

  1. Er scheint sich mit seinem Alltag zufriedenstellend arrangiert zu haben.
    Möchte trotzdem nicht mit ihm tauschen.

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