Größenverlust und Pseudotrauer


 

Die anderen sind ergriffen und ich mal ehrlich.

 

Wenn ein lange bekannter Künstler stirbt, ist das für viele traurig. Also die Nachricht darüber. In den Medien, im Flurfunk oder am Stammtisch. Warum eigentlich? Vielleicht es uns so überrascht? Manchmal schon, weil Menschen gerade noch topfit waren und dann auf einmal – bumm – weg. Oftmals sind es aber auch langjährige Krankheiten, die Jemand mit sich trägt und weshalb ErSieEs nun endlich „in Frieden ruhen darf“, wie es so schön heißt. Egal wie. Ich verstehe nicht, warum sich manche von uns Otto-Normal-Verbrauchern bei einer solchen Meldung plötzlich so ergriffen fühlen.

Stinknormal rausgekramt

Ein musikalischer Aspekt könnte dahinter stecken. Musikalisch-nostalgisch. Oh, jener Künstler, der mir früher diesen oder jenen Ohrwurm in die Lauscher gesetzt hat, fehlt ab sofort. Oder doch eine der alten Platten rauskramen und in Endlosschleife abspielen? Geht. Manche Musiker sind selbst noch im hohen Alter aktiv, nur eben nicht mehr im Dudelradio mit aktuellen Aufnahmen präsent. Wenn einer dann verstirbt, kramen die Moderatoren aufm Äther die teils 30 Jahre alten Hits raus, um zu zeigen, dass sie noch wissen, war das gewesen ist. Aktuelles Album noch vor zwei Jahren veröffentlicht – scheiß drauf. Wozu also traurig sein, wenn man sich als stinknormaler DJ kaum noch um die weitere musikalische Laufbahn der verstorbenen Person gekümmert hat. Jetzt auf einmal dann doch. Und die Mal-So-Neben-Bei-Musikhörer reagieren oft so: „Ach echt, der? Wusste gar nicht, dass es den noch gibt.“ Nee, eben nicht mehr. „War ein großer Star, tolle Hits damals.“

Zeitlich verpasst

Natürlich spielt beim Trauern auch die zwischenmenschliche Komponente mit rein. Liest sich zumindest oft zwischen den Zeilen so raus. „Das war schon eine tolle Persönlichkeit. Echt schade.“ Wahrscheinlich, weil die Wortgeber doch eigentlich gerade nächsten Samstag mit besagtem Musiker einen Kaffee trinken gehen wollten. Man kennt sich ja so gut, ist sich immer schon so nah gewesen auf die Entfernung zwischen MP3-Player und dem kontinentalentfernten Aufnahmestudio des Künstlers.

Traurig geärgert

Ganz ehrlich. Also der kleine Prinz vor ein paar Jahren in der Berliner Waldbühne angekündigt hatte, sind mir die Fahrt dorthin und der Eintrittspreis zu teuer gewesen. Wenn er wiederkommt und ich mehr verdiene, mache ich es aber. So der Gedanke 2010. Und als ich in den vergangenen Jahren online davon erfuhr, dass die ehrenwerte Pastorentochter immer hin noch in den Staaten konzertiert, kam mir der Gedanke, doch irgendwann mal über den Ozean zu fliegen. Jetzt sind beide tot, der Eine „recht jung“, die Andere dann doch nach langem Leiden. Spiele weiterhin ihre Musik, auch die noch in den 2000er-Jahren aufgenommen Lieder. Und bin traurig, sauer, weil ich mich zu keinem ihrer letzten Konzerte aufgerafft habe. Ganz ehrlich. Nicht mehr und weniger als das. Musik lebt eh weiter.≈≈ 

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

 

Aretha Franklin Konzert Paris 1977 Screenshot Youtube

Aretha Franklin Konzert Paris 1977

 

Sie war eine der ganz Großen, nahm Platten auf und gab Konzerte bis kurz vor Schluss. https://youtu.be/XsImJLiIJ14

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3 Gedanken zu „Größenverlust und Pseudotrauer

  1. Vielleicht ist es einfacher, seine Traurigkeit zuzulassen, wenn man die Person nicht wirklich kannte und nur ein Traumbild von ihr im Kopf hatte. Zu dem Traumbild gehört dann eben für viele auch Purple Rain, und nicht der ganze Rest. So wie Deep Purple auch nur aus Smoke on the Water bestehen.

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  2. Emotionen zulassen ist das Eine. Was mich vorab interessiert ist, warum die Menschen bei einer wildfremden Personen überhaupt traurig werden. Was Zwei schöne Schlussätze vo dir, Wolfram.

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