Vietnam und Sonnenchat


Er wollte nur Feuer oder ein offenes Ohr.

 

≈Spontane Mittagspause eingelegt. Draußen in der Heidelberger Einkaufsstraße ein paar Sonnenstrahlen plus warmer Frischluft inhalieren, bevor es zurückgeht ins künstlich beleuchtete Büro. Kopf hoch, Augen zu und …. keine wirkliche Ruhe. Stattdessen: „Hey, hast du mal Feuer?“

 

Erzählenswert gesprudelt

Ein kleiner Mann hat sich vor mir aufgestellt. Vielleicht einen Kopf größer als ich, wenn ich nicht sitzen würde. Sein Alter iässt sich kaum einschätzen, die Gesichtshaut spricht von einem harten Leben, die Kleidung von gar keinem überhaupt, so runtergekommen sind Jacke und Hose. Er nimmt das Feuerzeug dankend entgegen, setzt sich links von mir auf die Bank. Also an meine Herzseite. „Bist du von hier?“ Darf man ja wohl fragen, solange wir die Tagessonne sogar ein paar Holzbalken miteinander teilen.“ Deutsch-Amerikaner, in Heidelberg geboren. Daher auch der quakige Akzent, wenn er meine Muttersprache spricht. Und wechselt doch hin und her zwischen den Vokabeln. Ihn selbst frage ich kaum weiter. Es sprudelt nur so aus ihm raus, während die Sonne scheint und alle anderen auf der Heidelberger Lesebank abgelenkt sind. Dabei wäre das Leben dieses Feuerfragers einen dicken Wälzer wert.

 

Verfügbar geholfen

Soldat gewesen, 14 Jahre lang in Vietnam, aus der beruflichen Pflicht heraus etwas abgeworfen, was sich später als Napalm herausstellte. „Das hat sofort umgebracht!“ erzählt er immer noch mit Schrecken in der Stimme. Damals und vielleicht auch heute Alkohol und alle verfügbaren Drogen, um die Zeit durchzustehen, Dann Kriegsgefangenschaft im tiefsten Dschungel. Eine Frau kennengelernt. Kinder gezeugt. Nie mehr gesehen. Sie dürfen nicht nach Europa, er nicht nach Vietnam. Dafür findet er oft genug den Weg in die Psychiatrie. „Wir haben dort alle einen Schuss wegbekommen“. Alles was damals passiert ist, packe er „sentimental“ nicht mehr. Aktuell hat eine Wohnung in Neuenheim – „ein Loch“. Ist dort nur zum Schlafen. Und selbst das fällt ihm oft schwer. Deshalb ist er weiterhin behandelt. Hilft ein bisschen. Plus seinem Glauben. Das tut ihm gut. „In der Seele und in the head“, erklärt der Mann und tippt sich dabei an seine schwarze Basecap, auf die weißen Letter F, B und I gedruckt sind.

 

Kontaktlos abgebrannt

 

Eigentlich weiß er gar nicht genau, wie viele Kinder er drüben hat. Kontakt zu ihnen? Keine Antwort. Denn gerade ist seine Zigarette abgebrannt. So wie sein Leben. Er steht auf, wünscht einen guten Tag, läuft davon und dreht sich noch mal um. „Ach ehm, danke für den … Chat“.≈≈

 

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

 

 

 

 

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