Fremdnähe und Musiklenke


Wie ich frei tanzte, verloren ging und wiederfand.

≈ Es hieß lockere Kleidung einziehen und ein Tuch einpacken, mit dem man Augen verbinden kann. Habe drauf eingelassen. Bin Sonntagmorgen schlaftrunken zum angekündigten Kurs hingestiefelt. Und hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Reise nach innen, neue Erfahrungen sammeln oder einfach nur – ja was?

 

Frei getanzt

 

Die erste Stunde gestaltete sich etwas sonderbar. Ungewohnt. Sphäre Klänge von mehreren Lautsprechern. Anwesend waren sechs Teilnehmer inklusive Lehrer, die erst mal still meditiert und sich dann frei im Raum getanzt haben. Jeder für sich und dabei die Anderen im Blick. War so halb dabei. Stand ja noch die Augenbindenaktion in der zweiten Kurshälfte an. Nach der Pause verteilte der Lehrer mehrere Fleecedecken in warmen Farbtönen wie Orange, Kaminrot und Immergrün im Raum. Schlangengenhaft rund, so dass sie final zwei Kreise bildeten. Durchmesser zirka drei Meter. Pro Deckenrund versammelten sich jeweils drei Teilnehmer in der Mitte. Hintereinander gestellt, durfte man seinen Vordermann am Nacken massieren. Wechsel nach zwei Minuten, ein anderer ist dran. Das hat uns menschlich aufgewärmt, wir hatten ersten Direktkontakt miteinander. Jetzt kamen die Augenbinden dran. Für alle.

 

Verloren ertastet

 

„Einer von euch ist der Baum, die anderen sind Katzen, die um ihn herumstreichen“ – Ansage vom Seminarleiter. Der Baum kann stark und mächtig sein wie eine Eiche oder leicht biegsam wie eine Birke. Alle verbinden sich die Augen und kommunizieren jetzt blind weiter. In meinem Trio ist ein Mann dabei. Er entscheidet sich fürs Naturgewächs und steht stramm. Musik wird eingeschaltet, entspannte Klänge. Ich fühle mich verdammt unsicher, verloren, als ich mich – noch aufrecht stehend – auf der Kreisfläche bewege. Ich höre Töne aus der Anlage, aber niemand sonst. Ich hebe meine Arme und bewege sie vage nach links und rechts. Irgendwann berühre ich Haare. Das muss unser Baum sein, der Mann mit der schulterlangen Frisur. Zugleich berühre ich den glatten Unterarm meiner Mitkatze. Wir gehen auf die Knie und tasten uns ähnlich den spitzohrigen Tieren am Mann entlang. Es sind schüchterne Bewegungen. Eine Katze schubbert sich ja auch nicht rigoros an Widerständen, sondern variiert mit dem Druck.

 

Dramatisch verängstigt

 

Ich möchte gar nicht alle Bewegungen einzeln beschreiben. Vielleicht eher noch die Mus, welche Klänge gespielt wurden und mich geleitet haben. Es war viel Jazz dabei, besonnen. In solchen Momenten sind meine Hände sanft in der Luft geschwungen, alleine. Oder wenn Jemand nahe dran war, dann dessen Arm oder Rücken. Minuten später erklang verspielte Musik wie einst in den Zwanzigerjahre-Stummfilmen. Meine Laune hob sich und ich hatte den Dran, die anderen zu suchen, ihnen meine Freude mit Fingerspitzen mitzuteilen. Elektronisch-moderne Musik kam auch, da stand ich verloren im Raum, nicht nur wegen der Augenbinde, sondern weil sie mich einfach nicht animiert hat zu irgendwas. Definitiv aber dramatische Orchestersinfonien in einem anderen Stück. Angstgefühl, dunkel um mich rum. Auf der Suche nach den anderen aufm Fußboden rumgerobbt. Stehen geblieben, zusammengerollt, kurz vorm Weinen. Keiner kommt, von links oder rechts. Minutenlang. Und dann doch die Hand von jemand anders. Die Erlösung.

 

Blind getrieben

 

Musik hat meine Gefühlswelt immer schon ad hoc geändert. Am einfachsten ist es, wenn ich die Lieder selbst auswählen kann, entweder, um die aktuellen Gefühle wie Freude, Elan zu verstärken oder ihnen entgegenzuwirken, weil ich mich einem Leid fügen will. Wenn andere mir Musik aufdrängen, kann es mich ärgern oder andersrum aus einem Tief rausholen. Innerhalb von Sekunden kann meine Stimmung dann wechseln. Pingpong. Doch was ich heute erlebt habe, war die Doppelung jedes Gefühl. Jede Note intensiv in mein Ohr und dann sofort reagierend. Weil blind im Raum. Mir bisher unbekannte Menschen ganz nah. Und dann wieder nicht.

 

Musikalisch gelenkt

 

Keine Ahnung, wie sich meine zwei Teamkollegen während dieser durchmischten Musikepisode bewegt haben. Ob versteift oder elegant. Konnte ich nicht sehen, hatte ja die Augen verbunden. Nur manchmal Bewegungen habe ich neben, hinter oder an mir gespürt. Mir ist aber auf gefallen, dass auch sie von den Liedern gelenkt worden sind. Zu den anderen hin, weg davon, mit rhythmischen Handkontakten oder ganz still, Rücken an Rücken.

 

Nah kontaktet

 

So fremd mir diese zwei Anderen gewesen sind. Vorher noch sehend, aber mit der Augenbinde dann erst recht. Dieses „Soul Motion“ Spezial hat uns zueinander gebracht. Und mit erzwungener Blindheit und Musiklenkung ist mir wieder bewusst geworden, wie sehr ich menschliche Nähe brauche. Selbst wenn wir uns nicht sehen, nicht verbal miteinander kommunizieren. Es fällt einem oft schon schwer, auf Leute zuzugehen, die man kennt. Also ihre Nähe zu suchen, mit ihnen zu reden.

 

Wir warten gerne, bis uns jemand anruft, um uns zum Kino einzuladen oder eben mal ehrlich nachzufragen, wie es geht. Nur selbst nicht die Nähe des anderen suchen. Die eines Fremden gar nicht. Dabei kann sie so gut tun. Man kann über nicht mit Jedem über alles reden. Weil man sich vielleicht auf vielen Ebenen versteht, nur nicht auf der emotionalen. Muss es gar nicht. Manchmal reicht einfach die physische Nähe. Im direkten Kontakt aneinander oder mit respektvoller Distanz nebendran. Nur nicht alleine. ≈≈

 

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

 

 

 

Ein Fremder erscheint uns fern und doch so nah.

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2 Gedanken zu „Fremdnähe und Musiklenke

  1. Ich gestehe – ich glaube, der Kurs wäre mir fast zu krass, weil es mit Fremden wäre. Mit Freunden sowas zu machen … kommt mir aber auch schwierig vor. Klingt aber sehr interessant und auch lehrreich …

    Wir waren mal als Betriebsausflug auf einer – nicht ganz so heftigen – Aktion, das war ein Fühl- und Sinneserfahrungs-Parcours, der von einer Behinderteneinrichtung betrieben wird. Was mit Fremden so eine Sache wäre, mit Freunden definitiv ginge (wenn auch nur mit bestimmten Freunden), war mit Kollegen nun definitiv awkward.

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  2. Liebende musikalscher Bewegung

    Als Körpertherapeut ließe ich den Menschen vor mir zu einer frei gewählten Musik einfach
    Tanzen
    Um anhand Seiner Bewegunsübereinstimmung Blokaden zu erkennnen verdeutlicht
    zu lösen um so eine Geist Seele Körpereinheit anzustreben…

    Das Leben ist Tanz und viele haben noch Angst vor Ihm
    Wie das
    Ist Erstarrung Tod
    Lebendigkeit kindlicher Bewegungsdrang
    Freude schöner Götterfunke
    Tanzen Schillers Worte hier vor mir

    danke
    Dir Joaquim von Herzen

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