Ökofreund mit Namensbecher


Sie wollten umweltbewusst handeln und ich agierte zwischenmenschlich.

≈ „Willst du Zitroneneistee, Roseneistee oder einfach normales Wasser?“ Hunderte Becher kühler Getränke habe ich heute beim Sommerfest der Flüchtlingshilfe Karlsruhe verteilt. Immer die gleiche Frage. Fast immer die gleichen Ratlosgesichter. Viele meiner durstigen Kunden waren logischerweise nicht deutschsprachig. Oder einfach zu schüchtern. Bei manchen ging es auf Englisch weiter oder nur mit Handzeichen auf die gewünschte Getränkekanne. „Und bitte deinen Namen auf den Plastikbecher.“ Ja, wie jetzt?!

 

Ökologisch abgefüllt

 

Im Vorfeld hatten mir die Organisatoren erklärt, dass wir dadurch Plastikbecher einsparen könnten. Wer irgendwo seinen Namen drauf liest, benutzt diesen auch öfter. Ökologisch wertvoll. Und überhaupt arbeiten Flüchtlingshelfer ehrenamtlich, alles Materielle beruht auf Spenden. Da wollen wir den Verbrauch bewusst nicht torpedieren. Also jedem neuen Gast nach getätigter Getränkeauswahl einen leeren Becher plus Filzstift gereicht und um Signatur gebeten. Dann abgefüllt und weiter zur nächstdurstigen Person. Langsam entwickelte es sich zur Routine, von der ich doch mal abweichen wollte. Nach dem dritten oder vierten Kunden habe ich deshalb einen der noch flüssigkeitsleeren, aber bekritzelten Becher einfach mal genommen und versucht zu entziffern, was drauf steht.

 

Schriftlich genannt

 

„Khaled?“, frage ich den Mann vor mir. Und schon blitzt ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. „Ja! das bin ich.“ Deutlich und lautstark artikuliert. Noch Sekunden zuvor hatte er sehr schüchtern um Wasser gebeten.  Mit verschämten Blick nach unten. Jetzt der kleine Sinneswandel. Der ältere Herr steht plötzlich aufrecht an der Theke und strahlt mich an. Liebend gerne gieße ich ihm sein Wunschgetränk in den Becher und überreiche selbigen. „Hier Khaled, dein Rosentee. Lass es dir schmecken“. Noch mal ein Lächeln des ausländischen Gastes. Und weg war er. Beim nächsten Kunden verfuhr ich auf gleiche Weise: Getränk erfragen, Becher mit Stift reichen und Namen einfordern. Und auch beim Nächsten und Übernächsten.  Egal  ob Schüchternmann, aufgewecktes Mädchen oder wortstumme Kopftuchfrau. Stets das gleiche Prozedere.

 

Laut erkannt

 

Fast alle beglückten mich mit breitem Lächeln und strahlenden Augen. Während sie den frisch beschriebenen Becher überreichten. Und, wenn sie ihn aufgefüllt zurückbekamen. Vor allem die Kinder stürzten sich mehr als begeistert auf die ökologisch wertvolle Malkampagne. Konnten sie doch beweisen, dass sie ihren Namen schön schreiben können. Manchmal sogar verziert mit Blümchen anstatt eines „i“-Punkt. Hinterher fragten sie noch, ob das so in Ordnung sei. Klar doch. Und sobald ihr Name laut gelesen wurde, reckten sie den Kopf noch etwas höher über die Theke. „Ja“. Und strahlten.

 

Spontan dazugelernt

 

Eigentlich kein unbekanntes Phänomen, nur war es meine unerwartete Lektion für den Tag. Wer mit freundlicher Stimme seinen Namen genannt bekommt, spitzt automatisch die Ohren. Egal was dann folgt. Und sei es nur ein schlichter Plastikbecher gefüllt mit Roseneistee. Was man nicht alles lernt, so spontan beim Sommerfest. Dabei wollte ich doch nur aus organisatorischen Gründen weniger Plastik rausgeben. Der Umwelt und Vereinskasse zuliebe. Und dann doch zwischenmenschlich weitergekommen. Also. Ab sofort nur noch öko.≈≈

 

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

 

Schreib deinen Namen auf.

 

 

 

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2 Gedanken zu „Ökofreund mit Namensbecher

  1. Einfach toll, ich merke das tagtäglich auch immer wieder bei der Arbeit wieviel eine freundliche, herzliche Art bewirkt und wie Menschen trotz Sprachbarriere plötzlich auftauen und eben überhaupt nicht viel anders oder fremd sind (mache u.a. Passbilder und habe eben auch viele Flüchtlinge als Kunden).

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