Glasbrecher ausm Stiefelland


 

Neapolitanischer Pizzabäcker trägt wieder andere Brille und erklärt.

 

≈ Weltweit gelten junge, italienische Männer als modebewusst. Sie lassen sich ihre Anzüge maßschneidern, tragen nur edelste Lederschuhe und wählen jegliches Accessoire übersorgfältig aus, bevor es angebracht wird. Alles soll stimmen, im optischen Einklang passen bei den Italos. Sagt man so. Ich selbst kann es weder bestätigen noch dementieren. Dazu bin ich nicht oft genug im Stiefelland gewesen. Als ich gestern bei meinem örtlichen Pizzabäcker vorbeigeschaut hatte, drängte das international verbreitete Klischee dennoch in meinem Kopf. Auf seinem Kopf wiederum ein optisches Helferlein, das mich überrascht.

 

Hawaianischer Rundteig

 

„Ciao Angelo, hast du eine neue Brille?“ begrüßte ich einen meiner zwei Lieblings-Pizzabäcker und bestellte zugleich eine „Hawai“. Der gebürtige Neapolitaner konnte mich nicht gleich hören, war zu vertieft in das Kneten eines neuen Teigs, parallel dazu der ratternde Ofen. Also versuchte ich es noch mal. Diesmal lauter in der Stimme. „Angelo, schön dich zu sehen!“ – „Wieder eine Hawai?“ Nicken. Jetzt hatte er meine Aufmerksamkeit.

 

 

Italienischer Lebemann

 

Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, da kann ich mich nicht an alles. Aber die Brille ist neu, oder? „Ja, mal wieder“, gibt er kleinlaut zu, streicht seine mehlverstaubte Hand ab und greift nach besagtem Optikermodell. „Musste sein, ging nicht anders“. Vermutlich, weil sein Nasenaugenschmuck modebewusst abwechseln will. Bloß keine Langeweile aufkommen lassen im äußeren Erscheinungsbild eines italienischen Lebemanns. „Nee, gar nicht“, korrigiert er die Vermutung. „Mit Frau und Kind ist das nicht mehr so wichtig.“ Aber warum dann?
Internationales Klischee

 

Auf seinem Gesicht zeichnete sich in den folgenden Sekunden ehrliche Unkenntnis und Skepsis ab, dazu ein paar gedankenverlorene Stirnfalten direkt über der Brille. Wo auch sonst. „Weiß nicht warum“, überlegte er lautstark. „Bei mir gehen die Gläser immer so schnell kaputt.“ Zerbrechen? „Ja, so ungefähr. Der Rahmen auch.“ Das ist ärgerlich. Und hat rein gar nichts mit italienischen Modeklischees inklusive Accessoire zu tun. Für meinen Lieblingspizzabäcker ist es seine Art des Alltagsaktionismus, aus der Not heraus. Brille zerbricht, neue kommt her. Nur eben nicht das gleiche Modell wie vorher. In diesem Sinne bleibt Angelo seinem neapolitanischen Ursprung treu. ≈≈

 

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

 

Der Italiener.

 

 

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