Süßkram und Appetitstulle


Eine junge Frau verkauft bunte Donuts, widerspricht aber dem Klischee.

≈ Kalt draußen geworden, erst recht zur späten Feierabendstunde. Also besser drin treffen, irgendwo zwischen seiner und meiner. Und weil nur ein kurzes ‚Hallo“ geplant, haben wir bewusst kein singuläres Café angepeilt. Lieber direkt ins örtliche Einkaufzentrum, das auf jeder Etage viele freistehende Sitzbänke bietet, auf denen man seinen verfrorenen Hintern kostenfrei platzieren darf. Und da saßen wir, das obligatorische „Hallo“ längst kommuniziert und nun doch länger geblieben als gedacht. Weil wir uns mögen. Und wegen IHR.

Plastisch glänzend

Während wir entspannt auf einer der Bänke hocken, die mitten im Gang zwischen all den aufgereihten Konsumläden links und rechts errichtet worden ist, steht SIE. Nicht neben, direkt vor uns. Und zwar innerhalb eines quietschrosa Imbisswagen, direkt hinter einer hohen Verkaufstheke. Der Wagen ist wie unsere Bank auch mitten im Gang, die offene Seite zu uns gedreht und passenderweise mit rosa Donuts ausgelegt. Nicht wirklich verlockend, geschweige denn appetitlich, weil unnatürliche Farbe auf dem Rundling mit plastisch-glänzende. Überhaupt riecht es bis zu unserer Sitzbank rüber nach triefendem Fett.

Übergroß schlackernd

„Wenigstens sind sie im Zehnerpack billiger“, bemerkt mein Mann, der das Verkaufsschild intensiv studiert hat. Und siehe da, alle fünf Minuten entdecken wir mindestens einen Kunden oder mehr vor der Theke, linker Hand die übliche Einkaufstasche vom getätigten Konsumbummel und mit rechte Hand auf das üppige Sortiment der jungen Verkäuferin zeigend. Ihrem Gesicht nach zu urteilen hat sie gerade die Schule beendet und diese Donut-Geschichte als ersten Job angenommen. Für genau diesen trägt sie heute ein rosafarbenes Polohemd mit aufgedrucktem Firmenlogo. Es schlackert an ihrer schmalen Figur wie ein übergeworfener Sack. Kleidungsgröße stimmt, nur fehlen ihr offenbar mindestens zwei Zehnerpacks der rosa Kringel zum Frühstück. Vielleicht verdaut sie aber auch einfach jegliche Art von Nahrung so gut, dass nichts hängenbleibt. Ging mir in dem Alter ähnlich. Und während ich so vor mich hin überlege, mich parallel noch mit meinem Banknachbarn unterhalte, ändert sich alles.

Gesund belegt

Hungrig wie er nach neunstündigem Arbeitstag grundsätzlich immer ist, konnte er den Blick nicht vom Donut-Wagen lassen, um dann festzustellen: „Das Mädel ist weg. Irgend so ein Typ verkauft jetzt.“ In gleicher Minute nehme ich den Duft von frischem Schnittlauch wahr. Ich wende meinen Kopf ganz leicht, und siehe da  – rechts von mir auf der Bank sitzt die junge Verkäuferin. Auf Brusthöhe hält sie eine graue, aufgeklappte Brotdose. Mittendrin eine belegte Stulle mit farbfrohen Zutaten: oben und unten jeweils eine tiefbraune Vollkornbrotscheibe, dazwischen cremig-weißer Frischkäse sowie hellgrüne, flach geschnittene Gurkenstücke, die an allen Seiten rausragen. Lecker. Findet er auch und quatscht sie direkt an.

Mobil probierend

„Na, hast du Pause?“ Blöde Anmache. Bei ihr funktioniert’s. „Jaaa“, antwortet das Mädel zögerlich mit sehr leiser Stimme. Sie blickt erst mal verschüchtert auf ihr Brot, lässt sich dann aber doch auf ein Gespräch ein. Wie sich herausstellt, kommt sie eigentlich aus Stuttgart und arbeitet hier in Karlsruhe nur aushilfsweise – Order vom Chef, wohlgemerkt jener Typ, der jetzt gerade verkauft. Im ganzen Land eröffnet seine junge Marke derzeit neue Filialen mit dem mobilen Süßkram. Deshalb ist auch sie in unserer Stadt. Mit dem beweglichen Verkaufswagen nur ausprobieren, ob die hiesigen Mitbürger auf die amerikanischen Backwaren anspringen. Um dann vielleicht irgendwann eine feste Filiale außerhalb des Einkaufszentrums zu eröffnen.

Gewissensfrei offenbart

Einzig diese zwei dunklen Brotscheiben mit gesundem Belag passend nichts ins gastronomisch-kommerzielle Konzept dieses Karlsruher Einkaufszentrums. Das junge Mädel hat sie ganz bewusst mittels grauer Plastikdose eingeschleust und während ihrer Arbeitspause der breiten Laufkundschaft offenbart. Und vertilgt ihre traditionelle Stulle direkt im Mittelpunkt des Konsums – frei von schlechtem Gewissen – obwohl dies direkt vor einem verhungerten Feierabendler wie meinem Mann passiert. Überhaupt dieser intensive Geruch von Frischkäse mit Kräutern und dazu die zwischen dem Vollkornteil heraushängenden. Gurkenscheiben. Da bekommt man doch Appetit – sowohl visuell als auch olfaktorisch! So ein Duft weckt bei mir wieder die pure Lust auf echte Lebensmittel: selbstgeschmierte Brote, bestrichen mit frischem Crémekäse und knackiger Gurke als Kontrastprogramm. Konträr zum Klischee. Gerne mehr davon.≈≈

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

„Sweetheart (Waitress in a donut shop)“ – Hilary Gardner

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3 Gedanken zu „Süßkram und Appetitstulle

  1. Nana, sind ( „medizinisches“= wir“ bei den Lügensendern aktiv? ≈ Kalt draußen geworden, klar, sicher….. bundesweit ist es wärmer als im Juni….die Flüsse sind leer… und Karlsruhe oder Freiburg sind die Hitzepole der Republik… was soll das?
    Und überhaupt, in Ländern ohne dunkle Brotscheiben mit gesundenem Belag ist es eh lustiger. Aber da sind sie meistens auch nicht so reich und auf den DAX fixiert.

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  2. Ja, mein Körper friert offenbar schneller als als bei Anderen. Immerhin brachte mich dieser Umstand direkt ins ins Einkaufszentrum und zu dieser netten Alltagsepisode. Einfach die Augen auf im Hier und Jetzt. Verreisen kannst du dann immer noch.

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  3. Pingback: Rückwärts mit Vorsatz | Alltags.Seele

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