Einssein im Nachhinein


Warum es einfach so geworden ist, wie es sich gehört.

≈ Ja, ich konnte nicht anders. Einen Tag vor der 25. Jubiläumsfeier zum Berliner Mauerfall schaute ich eine Dokumentation eben darüber. War eh nichts anderes in der Glotze. Nein, quatsch, irgendwann findet sich immer. Also die Wahrheit: es ist auch meine Geschichte. Und doch haben sich nur die alten Klischee-Bilder wiederholt, wie all die Jahre zuvor, seit 1989.

Reingerutscht

Und immer wieder Floskeln wie der „graue Osten“, „goldener Westen“ und „endlich Freiheit“. Ich weiß nicht, wie die DDR war, erlaube mir kein Urteil darüber. Schon gar nicht über jene, die geflüchtet sind oder jene, die blieben. Ich war neun, als die Mauer „fiel“ und nur damit beschäftigt, meine neongelbe Mütze betont schräg aufzusetzen, damit ich in der Jugenddisko möglichst cool aussehe und zum Rhythmus von „Pump up the jam“ bloß nicht meine Perücke verliere. Und ich an besagtem Donnerstag gar nicht in Marzahn weilte, sondern mit meinen Cousinen in Leipzig bequem vorm Fernseher saß. Selbst als fast ein Jahr später irgendjemand auf dem Schulhof meinte, dass wir jetzt „mit der BRD zusammen sind“, habe ich nur mit der Schulter gezuckt. Ein 3. Oktober wie jeder andere. Konnte nichts mit anfangen, bin einfach in alles Folgende reingerutscht und nicht mehr raus aus meinem Leben. Reflektierende Gedanken kamen erst viele Jahre später als junge Erwachsene.

Zwischengetrennt

Für mich war der Mauerfall entgegen der medialen Meinung keine „Befreiung“ der armen DDR-Bürger aus ihrem tristen Leben. Diktatur hin oder her. Auch keine steuerliche Zusatzbürde für die ach so privilegierten BRDler. Eigentlich ist doch nur zusammengekommen, was vorher immer schon eins gewesen ist. Zwischenzeitlich halt getrennt und jeweils anders geprägt. Aber doch immer Deutschland.

Meine Sprache und soziale Einstellung ist geprägt von den Dichtern und Denker dieses Landes. Während des Studiums faszinierten mich die raren Prosatexe von Ber Brecht. Irgendwie hatte ich den Namen in meiner Kindheit schon mal vage gehört, nur nichts dazu gewusst. Dank meiner Germanistik weiß ich, dass er im geografischen Westen geboren wurde und dann aus politischen Gründen gen Osten abwanderte. Ist wohl so. Andere wie Erich Kästner bewegten sich in die entgegengesetze Richtung. Für mich als Literaturstudentin zählte nur das Werk an sich, nicht die Biografie dahinter. Halt hermaneutisch. Und darüber hinaus maximal noch das Wirkungsfeld des jeweiligen Autors, sprich: deutschsprachige Leser. Das gilt auch für den modernen Feridun Zaimoglu oder Juli Zeh. In ihren Texten halten sie der deutschen Gesellschaft mit all ihren charakterlichen Entwicklungen einen Spiegel vor. Vielleicht hat sie ihre Biografie dazu getrieben, vielleicht aber auch nur ihr offener Geist. Sie selbst sind deutsch, so wie ich. Und wir alle prägen unser Umfeld mit Worten, brechen soziale Grenzen auf und versuchen, zu vermitteln. Deshalb sind wir deutsch.

Und eben deshalb bin ich kein Ossi. Als eine von vielen gehöre ich zur Mauergeschichte dazu. Trotzdem. Ich habe zu wenige, junge Jahre in der DDR verbracht und bin nach der Wende auch zu schnell in den geografischen Westen gezogen. Wessi bin ich aber auch nicht. Weil ich doch recht stolz drauf bin, dass ich bei den Jungpionieren, „Schriftführerin“ war, meine erste Etappe auf dem Weg zum schreibenden Beruf. In dem Sinne bin ich einfach: deutsch. Und will es erst mal so bleiben. Ganz ehrlich. Auch wenn ich aufgrund meiner kontinental verteilten Patchwork-Familie mit den Jahren dazu tendiere, mich irgendwann „Europäerin“ zu nennen. Noch nicht. … weil dieses nationale Ereignis halt noch so zeitnah in mir steckt. Der Mauerfall. Mit ihm alles, was mich vor und danach geprägt hat. .. weil wir 40 Jahre was zwischen uns hatten und doch immer eins gewesen waren. Noch immer sind. Und das ist gut so. ≈≈

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