Lebensphilosophie und Konzeptblume


Wie mich der Gartenbauamtsleiter mich auf ein privates Ritual zurückführte. 

≈ Wo der Beruf einen manchmal drauf bringt. Unglaublich. Mein Karlsruhe lässt für seinen Stadtgeburtstag gerade 300.000 Tulpenzwiebeln setzen. „Recherchier’ mal und schreib was drüber, sprich’ vielleicht auch mit Helmut Kern, ist der Leiter vom Gartenbauamt“. Mein Job, mach ich. Alle relevanten Informationen brav nach journalistischem W-Fragen-Prinzip eingeholt. Dazu noch einige botanische Details vom Fachmann erkundet – mehr für sein Ego als zur Inhaltsverdichtung. Dann die finale Frage, mehr aus persönlicher Erfahrung heraus:

Wie gehen Sie damit um, wenn jemand am Beet entlang spaziert, eine Blume pflückt und sie für die heimische Wohnzimmervase mitnimmt?

Passiert in ähnlicher Form oft genug. Gerade in der Südstadt, vornehmlich beim Staatstheater und sichtlich bemerkbar, seit „Ron“ bei Fräulein Könnecke wohnt. Nach monatelanger Suche in diversen Möbelhäusern steht dieser quadratisch-praktische Couchtisch endlich in meinem Wohnzimmer. Unten männlich-robuste Stahlbeine und oben drauf eine weiße Massivholzplatte. Weiß und leer. Deshalb kam irgendwann eine länglich-runde Vase hinzu, für die ich seither bei jedem Stadtbummel eine Blume mitnehme. Anfangs hatte ich mir vom städtischen Pflanzenbeet am Theater gerne mal eine Blüte abgezwickt. Dabei und hinterher meist ein komisches Gefühl im Magen. Immer wieder. Weshalb ich mich irgendwann dazu entschieden habe, keine botanischen Konzeptblumen mehr zu pflücken. Nur noch wildes Gewächs vom Wegesrand. Jede Woche neu findet sich nun farbfrischer Flug-Hafer, Gänsefuß oder gewöhnlichem Löwenzahn. Für manche einfach nur Un-Kraut. Für mich Etwas besonders wertvolles, weil eben nicht vom Floristen hochgezüchtet erstanden. Weil es meiner Lebensphilosophie entspricht.

Egal welcher Herkunft oder aktuellem Verweilort: Jeder Mensch verdient es, beachtet zu werden. So ähnlich dachte ich es mir monatelang auch bei meinen stillen Spaziergängen erster Selbstfindung. Jeder hat seine Geschichte und Eigenart. Die sollte man ihm lassen. Deshalb bitte nicht gleich vorlaut ankämpfen, wenn der Andere sich gerade nicht so benimmt, wie erwartet. Deshalb das vermeintliche Un-Kraut in einem Blumenbeet nicht gleich wegrupfen, nur weil vielleicht nicht botanische Stadtbild passt. So wie bei der jetzigen Tulpenpflanzung, veranlasst vom Gartenbauamtsleiter.

Die rot-gelbe Tulpenpracht soll alle Karlsruher erfreuen. Deshalb hoffen wir auf einen respektvollen Umgang mit diesen öffentlich angelegten Pflanzungen. (O-Ton Kern)

Recht hat er. Eben. Der nette Gedanke im Vorfeld jeder neuen Pflanzung zählt: zum Gemeinwohl aller. Dementsprechend sollte der Bestand jeder einzelnen Blume gewahrt bleiben, eine für alle. Kann es auch bleiben. Fräulein Könnecke rupft schon lange keine Blüten mehr von städtisch angelegten Beeten. Dafür wende ich meinen Blick verstärkt aufs Un-Kraut. Gefällt mir ein bestimmter Wildwuchs entreiße ihm schon mal einen Stängel, wohl wissend, dass Unkraut nie vergeht, also täglich nachwächst. Und warum sonst? Weil „Ron“ blumige Aufmerksamkeit verdient hat. Und jede wild gewachsene Pflanze den Blick aller Könnecke-Besucher sowieso.≈≈

© Linda Könnecke

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2 Gedanken zu „Lebensphilosophie und Konzeptblume

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