Küchengelage und Spleenliebe


Warum ich dem Laster nachgebe, meine Gewohnheiten pflege und doch offen bleibe.

≈ Wer mit mir länger als eine Woche zusammengelebt hat, kennt meine Gewohnheiten. Für das morgendliche Zähneputzen sollte stets eine Zeitschrift parat liegen, damit mich die dentale Schrubberei bloß nicht langweilt. Ich kann ohne Schal aus dem Haus gehen, friere dann höchstens. Aber wehe, wenn ich keine Uhr um habe. Selbst, wenn es nur darum geht, die 500 Meter zum Fitnessstudio zu laufen und die Ticktack dort wieder abzulegen. Ohne Zeitmesser am Handgelenk bin ich nackt.  Anderes Beispiel. Auf meinem Schreibtisch dürfen gerne zahlreiche Dokumente abgelegt sein, nur sollte ihre Anordnung einer linearen Struktur folgen. Überhaupt mein Beruf. Es kommt kein kreativer Gedanke, geschweige denn ein sinnvoller Text, bevor ich nicht ein Dokument mit den üblichen Stichworten angelegt habe. „Titel:“, „Unterzeile:“, „Zwischentitel:“ und  „Schlussaus:“. Einfach so ins leere Blatt hinein schreiben käme mir nie in den Sinn. Blockiert eher meine Geistesblitze. Und wenn ich am späten Feierabend frische Lebensmittel einkaufen gehe, dann meine Straße ostwärts zum Markt laufend, auf dem Rückweg zur Wohnung wiederum gen Westen. Nie andersrum und schon gar nicht zwei mal die gleiche Strecke entlang. Es ist die viel beschworene Macht der Gewohnheit. Von der wir Erdenbürger partout nicht lassen können. Wozu auch?

Berufliche Rituale

Alte Gewohnheiten sind kein Laster. Auch, wenn sie oft und überall lamentiert werden. Von Beobachtern selbiger beim Mitmenschen. Oder fast schon entwürdigend von der „belasteten“ Person selbst: „Ich kann halt nicht anders“ Dabei ist es doch gar nicht schlimm, bestimmte Gewohnheiten zu kultivieren. Es gestaltet das eigene Leben persönlicher, gibt ihm Wiedererkennungswert. Vor allem aber geben sie unserem Alltag ein sicheres Gerüst innerhalb dessen wir uns durch Wochentage hangeln.  Beruflich wie privat. Jahrelang hörte ich von meinem damaligen Kollegen stets: „Diese ewigen Küchengelage eine Viertelstunde vor der offiziellen Mittagspause nerven, während andere noch konzentriert über Texten sitzen, pausieren die bereits und krakeelen lautstark über ihren Kochtöpfen.“

Irgendwo hatte er recht, zumal unser Zweiter-Büro direkt neben der Betriebsküche lag und die täglichen Mikrowellendüfte oft von der Arbeit abhielten. Zugleich aber half mir dieses ungewollte Ritual, endlich von meiner eigenen vertieften Texterei am Rechner aufzublicken und endlich Pause zu machen. An den seltenen Tagen, wenn die Mehrheit aller Redakteure verreist war zwecks Musikmesse, herrschte auf den Fluren: nichts. Kein Rumblödeln, kein Mikrowellenpiepen, kein Mülleimertürzuschlagen. Einfach nur Stille. Und ich vergaß die Mittagspause. Mehr als einmal. Bis sich gegen 18 Uhr selbst der Big Boss verabschiedete und ich endlich meine Frühstücksstulle rausholte. Und die nächsten Stunden weiter tippte. Okay, das ist jetzt keine Idealvorstellung für abstinente Gewohnheiten. Bitte nicht zum Vorbild nehmen.

Emotionaler Halt

Fakt ist aber, dass uns die vielen Gewohnheiten im Alltag gar nicht stören, sondern uns vielmehr weiterhelfen. Diese gepflegten Marotten bringen uns voran, weil oben genannte Schreibtischstruktur eingehalten wurde und die Kreativität fließt. Sie lassen uns auch schon mal innehalten,weil der berufliche Usus es so mit sich führt. Das gilt für den Automatismus im Büro, ebenso wie für die angewöhnten Pausen auf der Baustelle. Vor allem aber in unserem ganz persönlichen privaten Umfeld unserer selbst. Wir brauchen unsere lang gepflegten Gewohnheiten, um uns im hektischen Alltag wieder zufinden. Um morgens in die Gänge zu kommen. Und auch, um den vielen Dingen, die wir nicht beeinflussen können, dennoch eine persönliche Note zu verleihen. Etwas, das nur uns gehört in seiner Eigenart. Der ein oder andere tägliche Spleen kann uns eine Gewissheit geben. Eine gewisse Konstante im Alltag, während der Rest des Lebens schon mal kreuz und quer verläuft. Ungeplantes geschieht oft genug. Wissen wir nur zu genüge. Umso schöner, wenn sich ein paar wiederkehrende Rituale finden, die emotionalen Halt bieten. Und dann den Blick frei geben, für Neues. Ein alternativer Weg zum Supermarkt. Der Kopf frei für kreative Ideen auf dem vorher leeren Schreibblatt. Und überhaupt ein offenere gegenüber allem Neuen, eben weil im emotionalen Hinterstübchen insgeheim alles seine Ordnung hat.

Entscheidend dabei ist, dass man sich die Gewohnheiten möglichst selbst geschaffen hat. Also weniger von außen konstruiert wie beim Beispiel Büroküche. Vielmehr etwas Selbstauferlegtes. Es kann eine kleine rituelle Handlung sein, die wir unbewusst schön öfter mal praktiziert haben und die uns eine gewisse Zufriedenheit verschafft. Für den täglichen Moment, in dem wir sie durchführen. Und, wenn es uns nicht mehr zusagt, auch okay. Kein Anderer wird es ankreiden. Wir selbst haben uns dazu verpflichtet, also sind wir es auch, die davon abkommen dürfen. Wenn es uns danach ist. Über das wann entscheiden nur wir. Selbstt, wenn der Spleen letztlich ein Leben lang bestehen bleibt. Denn es ist unsere persönliche Eigenart, die wir als alte Gewohnheit bewusst zelebrieren. In der wir uns vor Bequemlichkeit suhlen, daran ergötzen. Und eben deshalb den knallharten Alltag mit einer gewissen Leichtigkeit bestreiten können. Solange das Rundherum stimmt, sprich: wir unseren kleinen Lastern nachgeben, sie respektieren, … dann ist die liebe Seele auch mal bereit, mit selbigen zu brechen. So es denn gewollt.≈≈

 © Linda Könnecke

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