Erwachsenenwürde und Ratsschweigen



Warum wir erwachsen genug sind, unsere Meinung besser nur abgeben, wenn gefragt, und dadurch ein respektvolles Umfeld erwirken.

≈ Bei mir stehen berufliche Veränderungen an. Seit Tagen argumentiere ich mit mir selbst, welchen weiteren Weg ich besser einschlagen sollte. Bevor es zum Eklat mit meinen inneren Egos kommt, greife ich zum Telefon und erreiche ihn sogar: meinen Vater. Es folgt das übliche Geplänkel über Wetter, Reisen und Arbeit. Tiefe Gespräche finden halt eher vor Ort statt. Nicht über die Glasfaserleitung der Telekom. Doch dann endlich rücke ich mit meiner dringlichen Frage raus. Bittend. Um eine Einschätzung. Ausharrend. Nach einer gefühlten Stunde nichts am anderen Ende, der Anfang einer Antwort:

„Ihr seid eigentlich erwachsen genug, dass ich euch keine Ratschläge mehr geben muss.“

Wir – seine Kinder. „Aber wenn du mich konkret um meine Meinung fragt, gebe ich sie gerne.“ Was auch immer folgte, entscheidend ist der anfängliche Gedanke vom Ganzen.

Verantwortungsvolle Kinder

Sind wir nicht alle die Söhne und Töchter irgendwelcher Eltern gewesen? Ob biologisch nachweisbar, adoptiert oder sozial angenommen. Mit dem 21. Lebensjahr erreichen wir offiziell den Status: erwachsen. Sind verantwortlich für alles, was wir tun, selbst wenn wir es nicht wirklich können. Oder nur darüber Bescheid wissen. Glauben, zu wissen. Trotzdem oder gerade deshalb neigen unsere Mitmenschen dazu, schnell ihre Meinung abzusondern zu müssen. Einen Rat, weil sie es besser wissen. „Wie war der dein Konzertabend gestern?“ „Ganz gut, weil…“ „Ja, die Band ist immer gut und überhaupt herrscht hinten mittig der Halle eine umwerfende Akustik.“ Ehm, wenn du das von vornherein längst kennst, warum fragst du mich dann überhaupt nach meinem Erlebnis? Scheinbar ohne wirkliches Interesse

Anderes Beispiel. Ein Freund möchte von seiner letzten Autoreise erzählen. Irgendwo in der Pampa an einem abgelegenen Baggersee baden gehen. Doch auf dem Weg dorthin streikt das Navi. Keinerlei Straßenschilder, dafür ein düsterer Wald, an dessen Ende vielleicht… „Warum bist du nicht der gleichen Strecke zurückgefahren, auf der du gekommen bist und zu einem anderen Freibad?!“ Nicht nur, dass die spannende Erzählung abrupt unterbrochen ist. Der Störenfried unterstellt dem Erzählenden, dass er offenbar hilflos war. War er das? Vielleicht nimmt die Geschichte eine positive Wendung. Was bleibt, ist definitiv der schale Nachgeschmack von grundtiefliegender Besserwisserei eines Mitmenschen, dem man sich anvertrauen wollte. Als ob der Andere einen nicht für voll nimmt.

Wirkliches Interesse

Viel würdevoller erscheint es doch, wenn wir unsere Mitmenschen auf der Straße als vollkommenen Erwachsenen wahrnehmen. Als eine verantwortungsbewusste Person, die bewusst handelt und auch Fehler begeht. Um vielleicht daraus lernt. Übergestülpte Ratschläge und Meinungen können durchaus ein akutes Problem lösen. Doch sie schärfen nicht den Verstand des erwachsenen Individuums. Wie auch. Wenn wir alle immer nur unsere mitunter gutgemeinten Ratschläge absondern, überall und in jeder Situation, fördern wir indirekt eine Gesellschaft voller Minderwertigkeitskomplexe. Und kommt mir ja nicht Meinungsfreiheit. Die sei erlaubt. Nur ist sie nicht immer angebracht.

Lasst den Erwachsenen ebenso wie den Kindern ihre Würde. Lasst sie reden, hört ihren Geschichten zu. Kommt nicht gleicht mit eurer Gegengeschichte oder einer ungefragten Meinung. Lauscht und fragt nach, Details zum Erzählten, Emotionen beim Erlebten. Daraus entwickelt sich der anfängliche Monolog eines Einzelnen, der sein Abenteuer wieder geben möchte, zu einem Dialog. Ein Miteinander.

Erwachsen kommunizieren

Wer als erwachsenes Individuum wahrgenommen wird, kommuniziert auch entsprechend zurück. Fragt, wie der andere wohl sein Wochenende verbracht hat. Oder ringt sich vielleicht durch zu einer Bitte. Einer erfragten Meinung, einem Ratschlag: Wie der Andere denn reagiert hätte, wäre er selbst im düsteren Wald ohne Straßenschilder stecken geblieben. Welche Antwort auch immer folgt. Sie wird bewusster aufgenommen als ein vorschneller Rat. Dafür umso eher verinnerlicht, abgewägt und beim nächsten Ausflug womöglich umgesetzt. Einfach mal ausprobieren. Einfach mal … Erwachsene sein.≈≈

© Linda Könnecke

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Ein Gedanke zu „Erwachsenenwürde und Ratsschweigen

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