Altschule und Generationsbeat


Warum sich die Tanzmäuse der Neunzigerjahre am Laufband wiedervereinigen.

≈ Dieses eine Fitnessstudio sollte es sein, kein anderes. Weil um die Ecke, weil sauber, einfach weil. Nur leider mit Aufnahmestopp. Seit Monaten. Ich auf der Warteliste, nicht mit persönlich, nur mit Namen. Dafür zuhause auf heißen Kohlen sitzend, wann ich wohl endlich trainieren darf. Zwischenzeitlich alle paar Tage deren Fanpage belauert, um zu sehen, ob die Blockade endlich aufgehoben. Auch neugierig auf mögliche negative Kritik, um mich selbst zu beruhigen, während ich noch kein ehrenwertes Mitglied bin. Und las diese Bewertung:

„the amount of 15 years old destiny’s child songs played is too d*mn high“

Dachte mir noch: Warum kommentiert er dies im sozialen Netzwerk und beschwert sich nicht direkt bei der Klubleitung, sobald er wieder trainieren geht? Sei es drum. Vergaß es über die vielen Wochen Warterei. Bis ich endlich drin war. Im Fitnessstudio, auf dem Laufband. Seit Jahren erstmals ohne MP3-Player. Wer sein Gehör aufgrund einer lautstarken Silvesternacht bereits um 20 Prozent verloren hat, verzichtet lieber auf direkte Beschallung an der Ohrmuschel.

Stöhnende Mitstreiter

Als ich die ersten paar Tage endlich wieder auf dem Laufband gerannt bin und nicht vorwärts kam, achtete ich nur auf den Rhythmus meiner Atmung. Seit etwa einer Woche jedoch habe ich unlängst in den alten Trainingsmodus gefunden. Ich lasse die Gedanken schweifen. Lausche dem unvermeidlichen Gestöhne meiner männlichen Mitstreiter. Und ja, auch Musik. Aus jedem einzelnen Lautsprecher vorne, hinten, rechts, links entlang der Trainingsfläche. Was läuft? Moderner Rhythmn and Blues aus den mittleren bis späten Neunzigerjahre. Tanzbare Takte, die den fleißigen Sportler vorantreiben, ihn motivieren. Kein überschneller Elektrobeat, bei dem der Sportlaie womöglich übers Schienbein stolpert. Eher ein galantes Auf und Ab innerhalb mir bekannter Melodien aus eben der Hitparade vor 15 Jahren.
Nur selten verirrt sich mal ein aggressiver Hiphop in die Playlist der tagesaktuellen Studioleitung. Sonntagnachmittags mitunter auch tiefenentspannte Fahrstuhlmusik zur Einfühlung auf den nächsten Yoga-Kurs. Mehrheitlich spielen die sportlichen Trainer, die an der Eingangstheke eben auch den MP3-Datensatz des Fitnessstudios bedienen schlichtweg  modernen R&B von Mädels wie den Schicksalskindern, dem Platzanweiser oder anderen schwarzen Straßenjungs. Wobei mein zehn Jahre jüngerer Neffe bekannte Lieder wie „Bills, Bills, Bills“ oder „No Diggity“ längst als Musik der alten Schule betitelt. Ist halt eine halbe Generation vor mir. Meine Eltern wiederum täten das Ganze als „neumodischen Kram“ abwerten. Zu Recht. Ihre Zeit war die der Beatles, Dylans und Joplins. Kaum vorstellbar, zur „Yello Submarine“ auf dem Crosstrainer zu ackern.

Unsere Epoche

Als ich noch vor Jahren ein Premium-Fitnessstudio mit fast dreifacher Jahresgebühr besuchte, lief dort keine Musik. Null. Höchstens in den Ohrstöpseln der wenigen jüngeren Mitgliedern wie ich mit Ende 20, Anfang 30. Das sichtbare Mehrheit stellten eher gereifte, Silberperlen, die offenbar keiner Musik bedürfen. Leise klingend aus dem installierten Musikboxen im besuchten Trainingsraum. Keine vorprogrammierte Titelliste, meist ein öffentlich-rechtlicher Pop-Sender mit üblichem Gedudel.

Und ja. Ich hatte mir sowohl damals als auch jetzt nach dem Ortswechsel mehr als nur ein Fitnessstudios angeschaut. In vielen lief durchweg dieser elektronische Neukram mit lausigen Sängern, die auch noch bewusst ihre Stimme verzerrten. So zahlreich die gebotenen Geräte, so umfangreich das Kursprogramm – wenn die Musik nicht stimmt, ist Mama Linda raus. Und nun also rein in einen Karlsruher Club, der sich vornehmlich den Beats der späten Neunzigerjahre bedient. Kommt mir sehr entgegen. Trifft genau jene musikalische Epoche, in der ich meine Nächte auf Tanzflächen verbrachte. Heute lieber gediegen in Bars am Konversation betreiben. So wie einige Mitmenschen meines Alters. Doch das nur anbei.

Meine Bewegungsmusik

Wir Mittdreißiger bestreiten die Mehrheit in meinem aktuellen Fitnessclub. Ob alle in den Neunzigerjahren tanzend waren, habe ich die anderen nicht gefragt. Genausowenig weiß ich, ob sie damals R&B gehört haben. Vielleicht nicht unbedingt der langhaarige Typ mit Metallica-Shirt. Wie alt wohl derjenige Hobbysportler ist, der sich bei Facebook über die 15 Jahre alte Destiny’s-Child-Songs beschwert hat? Reif genug jedenfalls, um sie zeitlich einordnen zu können. Vielleicht trainiert er morgen direkt am Laufband neben mir. Mich erkennt er jedenfalls daran, dass ich bei den Klassikern aus meiner tanzwütigen Jugend immer noch heimlich mitsinge. Weil ich die pseudo-feministischen Texte einst verinnerlicht hatte und ihr Rhythmus mich noch heute weiter antreibt. Meine Bewegungsmusik. Meine Generation. Wiedervereint. ≈≈

© Linda Könnecke

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