Fremdwahrnehmung und Selbstsein


Warum ich es versteckt habe, mich verrucht fühlte und jetzt fasst nur noch nackt bin.

≈ Ohne Haare. Mal wieder. Aktuell seit fünf Jahren. Gehört dazu, wenn man genetisch bedingt mit permanentem Haarausfall lebt. Mediziner nennen es Alopecia Areata. Etappenweise behaart an Kopf und Körper. Dann wieder kahl poliert wie einst Mr. Proper. Ein steter Wechsel seit durchweg 34 Jahren. Mein Leben. Und zugleich ein neues. Denn erstmals dieses Jahr laufe ich oben ohne rum. Auf der Straße, im Büro, diesen Sommer. Nur bei Wind und Regen sowie Temperaturen unter 20 Grad lieber mit Kopftuch.

Fehlender Körperteil

In Deutschland und genauso in Griechenland habe ich schon viele heiße Sommer erlebt. Doch die vergangenen 30 Jahre zuvor ging ich nie oben ohne. Am mediterranen Strand lag ich gerne im knappen Bikini und bräunte mein schlankes Figürchen. Nur nicht oben ohne. Lieber bächeweise schwitzen, als das jemand sieht: ich habe keine Haare. Halt Glatze. Obwohl es einem aufmerksamen Beobachter offensichtlich sein sollte, dass keine Wimpern oder Augenbrauen existieren. Das Kopftuch demnach nur als notwendiges Übel.

Und wenn jemand, gerade im Sommer fragt, warum nicht einfach oben ohne, redete ich mich gerne mit der ach so sensiblen Kopfhaut heraus. Stimmt dermatologisch auch irgendwie. Nur trifft es nicht den Kern der Sache: mein permanentes Schämen darüber, kein kompletter Mensch zu sein. Sie hat zwei Arme, Ohren, eine Nase, Mund… alles dran. Nur keine Haare. Ein Körperteil, der mir spürbar fehlt. „Haare machen Leute“ heißt es gerne. Und wenn man keine hat, diesen Mangel bloß verstecken. Mein selbstauferlegtes Motto über Jahre.

Nackig machen

Mit der Zeit  und dem wachsenden Freundeskreis entwickelte ich daraus meine persönliche Offenbarungsstrategie. Wer mich zuhause besuchte, dem begegnete stets einer betuchten Frau. Andere legen zum Dinnerabend glitzernde Ohrringen oder eine lockere Krawatte zum Dinner. In der Kleidungswahl präsentiert sich mein Bekanntenkreis recht vielfältig, auch heute noch. Ich trage halt Kopftuch. Nur auserwählten Personen zeigte ich mich nackig, sprich oben ohne; als . n am Kopf bedeutete Wertschätzung des Anderen. Du liegst mir am Herzen, deshalb präsentiere ich mich dir wie ich bin. So mein Hintergedanke. Offen kommuniziert habe ich es nie. Einfach agiert. Zögerlich und dennoch.

Erste Schritte eines Coming Outs wagte ich in den vergangenen Jahren beim Fitnessstudio. Beim Training noch mit Tuch, sobald ich durchgeschwitzt die Umkleide betrete: oben ohne. Nackt. Nicht einmal, zweimal. Jedes Mal. Und immer wieder die bestürzte Frage einer Mitsportlerin: Was ist mit dir passiert? Oder im allwissenden Fall: Hattest du Chemo? Und ich erklärte mich. Mit Stolz. Wer nicht fragte, bekam von mir auch keine Erklärung. Wollte nur sein dürfen wie ich bin. Zumindest für die halbe Stunde Umziehen und Duschen nach dem Sport. Und mit der Zeit fragte auch keiner mehr. Die Frau oben ohne im Umkleideraum war nicht mehr neu.

Verruchtes Auftreten

Doch draußen im echten Leben, auf der Straße privat oder berufsalltäglich im Büro: Bloß nicht. Über die Jahre hatte ich mich schon fast eingerichtet mit diesem Unterm-Tuch-Verstecken. Für jeden Pullover, jedes Shirt ein passendes Muster am Kopf. Der zugleich wärmende Stoff schien meinen fehlenden Körperteil zu ersetzen. In dieser Selbstverleugnungstaktik bin ich gar nicht mal alleine. Ich weiß von den Anderen, seit ich mich vor rund einem Jahr einer Alopezie-Gruppe angeschlossen habe. Frauen und Männer, die ihren permanenten Haarausfall ebenso unter Tüchern, Mützen und Perücken verstecken. Deshalb nimmt man uns Alopezie‘ler als solche in der Gesellschaft kaum wahr. Eigentlich clever.

Nur erschien es mir mit der Zeit absurd. Der bloße Glatzkopf ist nichts Verwerfliches. Anders als die entblößte weibliche Brust. Der eine trägt militärischen Kurzhaarschnitt, der andere lange Rockermähne. Und ich eben Glatze. Trotzdem fühlte ich mich recht verrucht, als ich im März dieses Jahres erstmals oben ohne auf die Straße ging. Als wäre es falsch, was ich tat. Am nächsten sonnigen Tag ließ ich es deshalb wieder. Einige Wochen später, drängte mein Eigenstolz erneut durch: „Hey, so bist du, raus damit.“ Also noch mal oben ohne probiert. Erst nur in meinem vertrauten Stadtviertel, ein anderes Mal in der Haupteinkaufsstraße und die größte Herausforderung: unter Kollegen im Büro. Es geht. Und an manchen Tagen setze ich das Tuch wieder auf, weil es draußen kalt ist und mir die haarige Decke aufm Kopf fehlt. Doch der Sommer ist noch lang. Und kein weiteres Jahr möchte ich unnötig schwitzen, weil ich mich für was schäme.

Natürliche Wahrnehmung

Das Entscheidende in diesem Selbstfindungsprozess war aber die meinige innere Einstellung anderen gegenüber. Keine auserwählten Personen mehr, für die ich mich nackig mache. Bei engen Freunden höchsten ein noch breiteres Lächeln als gewöhnlich, frei nach dem Motto: Schau mal, so bin ich und kann es endlich sein. Anfang lief ich noch recht unbeholfen durch die Straßen, entsprechend besorgt die Blicke meiner Mitmenschen. Klar, Frau mit Glatze begegnet man nicht oft. Vielmehr war es jedoch meine offensichtliche Unsicherheit, aufgrund der sie so reagierten. Doch je natürlicher ich mit meiner neuen Nacktheit umgehe, desto weniger gucken die Leute. Ist einfach so. Sie nehmen mich als gesamte Person wahr. Nicht mehr nur als „die ohne“ –  meine lebenslange Fremdwahrnehmung. Jetzt nur noch Ich im Ganzen. Als hätte es nie etwas zu verstecken gegeben.≈≈

 

© Aus dem Alltag von Linda Könnecke

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15 Gedanken zu „Fremdwahrnehmung und Selbstsein

  1. Ich finde es großartig und dich sehr mutig, diesen persönlichen Teil von dir mit aller Öffentlichkeit zu teilen!
    Ich bin sicher, ehrlich mit dem umzugehen, was IST, macht uns frei…

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  2. Wow,
    liebe Linda,
    ich bin schwer beeindruckt von dir! Nicht nur, dass du so offen mit einem „Mangel“ umgehst, den ein gesellschaftliches Bild dir diktiert, du findest auch die richtigen Worte. Und ich glaube dir mit jedem Satz mehr, dass da eine selbstbewusste, positive und ganz tolle Frau spricht, die eine wunderbare EInstellung hat, die viel mehr Frauen an den Tag legen sollten!
    Danke.

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  3. Da stimme ich dir zu, Angelika. Ich zähle auch auf die Ehrlichkeit. Sie tut mitunter weh, vor allem gegenüber einem selbst. Doch nachhaltig tut sie allen Beteiligten gut. Für sich selbst und auch gegenüber Anderen.

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  5. Liebe Grüße ,von Inge ( Lünsmann ),die sehr berührt ist,dass sie Dich heute gefunden hat,denn
    ich habe mir immer gewünscht Dich wieder zu sehen.( seit Ungarn,DDR Zeiten)

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  8. Ich habe den größten Respekt davor, dass du offen dazu stehst und diesen Weg gehst mit der „hallo hier und so bin ich eben“ Mentalität. Es gibt nichts Schöneres als mit sich im Reinen zu sein und zu merken wie die Einen (unerwarteter Weise die Mehrheit) dich doch so nehmen wie du bist und der schubladendenkende Rest dir einfach egal ist.
    Ich habe seit frühester Kindheit eine abgrundtiefe Abneigung (keine Allergie, nur eine halbe Phobie) gegen Makeup an mir selbst. Früher hatte ich ein riesiges Problem damit, hatte das Gefühl weniger ernst genommen zu werden und nicht dazuzugehören.
    Heute trage ich die Natürlichkeit stolz und selbstbewusst nach außen und die Menschen die mich aufgrund von Äußerlichkeiten auf eine bestimmte Art und Weise behandeln, sind mir mittlerweile einfach egal.

    Danke für den schönen Artikel.

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  9. Liebe Mona, sehr interessant, was du über dich schreibst. Und dein letzter Absatz macht mich richtig glücklich, dass auch du zu dir gefunden hast. Ehrlich gesagt, habe ich gerade Fotos von dir gesehen und dich prompt nach deinem Äußeren (insbesondere Augen) eingeschätzt: eine sehr offene junge Dame. Okay, vielleict war ich voreinbeflusst von deinem Kommentar. Schön auf jeden Fall.

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  10. Da sieht man wieder: irgendwie haben viele (alle?) einen „Mangel“, wenn man denn so empfinden will. Grotesk wird das Ganze aber, wenn wir Mängelexemplare versuchen, diesen unter Tüchern, Perücken, langen Haaren oder Schlabberkleidung zu verbergen. Für körperliche Mängel können wir nichts, deshalb ist weder Scham für die Einen, noch Stolz für die Anderen angebracht. Sie fallen immer mehr oder weniger deutlich auf. Dann könnten wir uns auch gleich ein leuchtendes Banner auf den Kopf kleben.
    Je unverkrampfter man mit seinem Körper umgeht, desto leichter wird es für das Gegenüber.

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  11. Hallo Linda,
    wir sind alle wahre Meister im Verstecken unserer „Makel“ geworden und sind wir damit glücklich? Mir ist neulich bewusst geworden, dass ich so manche Sachen an Frauen erotisch finde, die sie selbst eher verstecken oder bekämpfen, weil sie einem illusorischen Ideal nicht entsprechen (wie auch). Von daher ist es Dank, den ich dir aussprechen möchte, weil du mit deinem Beispiel uns alle positiv beeinflusst.

    Ich muss noch eine Geschichte aus dem letzten Jahr erzählen. Ich war mit einem Freund am See und sah einige Meter von uns entfernt eine Frau, die mir gefiel. Ich bemerkte irgendwann einen recht bösen Blick von ihrer Freundin und war erst perplex, warum sie so bös schaute. Ich blickte dann hin und wieder verlegen hin und bemerkte erst einige Zeit später das Kopftuch und fehlenden Augenbrauen.
    Diese Begebenheit zeigt, wie schnell man sich als Mensch wegen solch eines „Makels“ blöd angestarrt fühlt, auch wenn das gar nicht der Fall ist, wenngleich ich nicht bestreiten möchte, dass man da schon erst einmal kurz schaut.

    Noch einmal: Vielen Dank.
    Ben

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