Arbeitspflicht und Kieselsteine


Wie ich in einem Biergarten saß, ein kleiner Mann unsinnig schippte und ich Tatendrang in Frage stellte.


  Am frühen Mittwochabend saß ich dieser Woche im „Alten Brauhof“ und genoss die laue Sommerbrise. Mit dabei war ein Bekannter vom KIT, wir unterhielten uns über virtuelle Veranstaltungskalender und die Kooperation Karlsruher Hochschulen miteinander. Seine Vorschläge klangen ideenreich, nur war konnte ich ihm ab einem gewissen Zeitpunkt kaum noch folgen. Von einer hinteren Ecke des Biergartens kam ein kleiner Junge angerannt. In seiner linken Hand ein gepunkteter Buddeleimer aus Plastik, rechts die passende Schaufel dazu. Und er pflanzte seinen windeldicken Popo in die Mitte des kiesbestreuten Brauhof-Bodens, kaum einen Meter weit entfernt von unserem Tisch.

Verstaubtes Gebuddel

Und er förderte verstaubte Steinchen einem nach dem anderen,  so viel seine Schaufel tragen konnte, direkt vom Boden in den nahe gestellten Buddeleimer. Und wieder und wieder. Bis das Gefäß kaum noch zu sehen war; dafür ein vorzeigbarer Kieshaufen mittig des Biergartens aufragte. Zurück zum eigentlichen Gesprächspartner und seinen neuerlichen Ausführungen zur Programmierung eines einheitlichen Veranstaltungskalenders.

Eingabemaske, Emailformular… geschwind richtete sich meine Aufmerksamkeit dann doch wieder ungewollt auf das Kind nebenan. Ich konnte nicht anders. Der tüchtige Junge schaufelte erneut an einem Kieshaufen, gleich neben dem ersten. Nur dieses Mal schöpfte er nicht aus dem umliegenden Kies in armlanger Greifbarkeit. Nein, der sportliche junge Mann richtete sich für jede neue Schaufelfuhre auf und rannte zum anderen Ende des Biergartens um nur von dort neuen Kies heranzuholen. Hin und zurück, rein in den Eimer, wieder hin und zurück… das Spiel setzte sich für die nächste halbe Stunde immer weiter fort. Mein Gegenüber hatte ich längst darüber informiert, warum ich abgelenkt bin. „Warum buddelt der Kleine nicht weiter mit dem Kies in unserer Nähe und rennt neuerdings einen Meter weit weg um neues Material ranzuschaufeln“, fragte ich meinen Bekannten.

„Ist halt mehr Arbeit.“

Und genau SEIT DEM rattert mein Gehirn endlos. Grund dessen ist meine unausgesprochene und doch innerlich andauernde Frage:  Was bedeutet das eigentlich „mehr Arbeit“‘? Der verleugnete Pessimist in mir drängelt sich erst mal vor und behauptet frei heraus: „Liegt alles bei den Eltern“. Die hätten ihm sicherlich vorgelebt, dass man es sich im Leben bloß nicht zu einfach machen soll. Einfach mir nichts dir nichts etwas erreichen, nur weil die Lösung so nahe parat liegt?  Selbst die faulste Sofakartoffel denkt sich beim montäglichen „Wer wird Millionär? einer scheinbar offensichtlichen Lösung“: Nee Mensch, das kann’s nicht sein, bei 250.000 muss es tiefsinniger liegen.

Warum also den größten Kieshaufen von Karlsruhe mit Material errichten, dass man überall, links rechts vorne und hinten bekommt? Das wäre ja schön einfach und keines Ruhmes wert. Also quer durch den Biergarten rennen und immer neue Steinchen ranschaffen. Der obligatorschen Pflicht zur Mehrarbeit nachkommen. Wird schon jemand registrieren, dass ich mich mit jungen Jahren rumackere, um der Familie ein fleißiges Vorbild zu sein…

Journalistische Sorgfaltspflicht

Ah was. Jegliches Philosophieren darüber, was später wann wie zu deuten wäre verbietet sich dem jungen Mann. Der blonde Lockenschopf hatte vermutlich nur kindlichen Spaß an der Geschwindigkeit. Hin und her – da quietscht er in höchsten Tönen. Wird nur kurz still, wenn er die jüngste Fuhre Kies an seinem Ausgangspunkt ablegt. Ich habe ihn nicht gefragt, warum und wieso er den Haufen Schotter überhaupt angelegt hat. So mitten im Biergarten, wo jeder drüber fällt. Wäre meine journalistische Sorgfaltspflicht gewesen: prüfe, was du siehst, bevor du darüber urteilst. Mein mahnender, mütterlicher Instinkt mir selbst gegenüber.

Denkste. Klappe gehalten, nicht aus Vorsicht, sondern purem Optimismus heraus. Lass‘ dem Jungen seine Freude, staubige Kieselsteine per Plastikschaufel und mit stolzer Brust von A nach B zu tragen, während Mama und Papa ihr Bierchen trinken. Weil, der größte Spaß kommt erst ganz zum Schluss. Wenn beide Kieshaufen mitsamt verbuddelten Eimerchen nebeneinander protzen, ist es ein purer Höchstgenuss, auf selbigen Bergen rumzuspringen. Vor, zurück. Fester. Und dazu ein breites Lächeln auf den Lippen, das weit entfernt scheint von „mehr Arbeit“ oder vermeintlicher Pflichterfüllung. Dieser junge Mann hat sich aus freien Stücken engagiert, ein kleines Werk, nein sogar zwei Berge anzuhäufen. Und nahm sich gleichermaßen die jugendliche Freiheit heraus, beide tatkräftig zu zerstören. Sein legitimes Recht, ganz ohne Gewissen.

 © Linda Könnecke

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