Straßenrhythmus und Zigarrettenstille


Wie ich mich vom Lärm ablenken lasse, der Mann sich beruhigt und ich ihn nun vermisse.
Warmer Vormittag in meinem Viertel. Kalendarisch ein Feiertag, keine Geschäfte geöffnet. Dennoch Leben auf der Straße. Das Möpmöp vorbeifahrender Mofas. Grelles Kindergejauchze auf dem benachbarten Spielplatz. Vieles schallt hinein zum heimischen Schreibtisch. Südstadt eben. Belebt und doch störend. Die bevorstehende Powerpoint-Präsentation kommt nicht voran. Und draußen grölt eine männliche Stimme unentwegt vor sich hin.

Abrupte Stille

„Dumm du dumm dumm … yeah.“ Und wieder von vorne. Nicht wirklich leise. Lautstark und mit einem deutlich vernehmbaren Rhythmusgefühl. „Dum du dum dum… yeah.“ Irgendwie lenkt er mich ab von meinem geistreichen Präsentationsideen, die eh nicht fließen wollen. Andererseits treibt mich sein monotoner Rhythmus voran. Eben weil er nie aus dem Takt kommt. Ganz im Gegenteil zu den unberechenbaren Zweirädern, die nur manchmal vorbei düsen. Und wenn, dann mit viel Gas-Geben und abrupter Stille, weil sie der Vordermann bremsen lässt.

Gefühlte zwei Stunden höre ich mir das Straßenleben parallel zum eigenen Laptop-Getippse an. Dann packt es mich. Kann nicht mehr. Rechner ans freie Ende vom Schreibtisch geschoben, weiße Maus weggelegt und zum Fenster gesprintet. Der Quelle vormittäglicher Ablenkung auf der Spur. Blick nach links: kein Auto oder Mofa auf der Straße. Fröhliche Kinder offenbar auch entschwunden gen heimischem Mittagsmahl. Blick nach rechts. Die Männer, der wieder eröffneten „Südstadt Kulisse“ gewohnt vor der Tür sitzend. Ein Stück weiter rechts auf der gegenüberliegenden Straßenseiten ein stämmiger schwarzer Mann. Der Mann. Es geht wieder los: „Dumm du dumm dumm … yeah.“

Energisches Zerfetzen

Er singt es nicht einfach vor sich hin, sondern für einen entgegenkommenden Spaziergänger. Beim „yeah“ öffnet er seine Arme, scheint den Anderen musikalisch sowie bildlich zu begrüßen. Und verstummt. Ein nächster Südstadt-Indianer kommt langsam näher. „Dumm du dumm dumm …. Arme auf: „…yeah.“ Und vorbei. So läuft das Spiel. Nach etwa sieben Minuten steigert sich die Szenerie. Kein neuer Spaziergänger. Dafür rupft der klingende Mann theatralisch Papierfetzen von der plakatierten Eingangstür neben sich. Und hört nicht auf. So energisch, als gelte es, den Weg frei zu fetzen für den verbarrikadierten Innenraum. Sein Gesang klingt auch nicht mehr fröhlich, eher wütend. Auch das Taktgefühl scheint ihm verloren gegangen.

In diesem Moment steht einer der „Kulissen“-Männer von seinem Stuhl auf, und läuft rüber zum Rhythmiker. Reicht ihm eine Zigarette mitsamt Feuerzeug. Der zündet sie sich an. Zieht genüsslich. Lehnt sich an die eben malträtierte Plakatwand und inhaliert. Zieht nochmal. Ganz still. Als hätte er seine innere Ruhe gefunden. Nach außen hin definitiv.

Keine Melodiewelle

Keine weiteren Plakatfetzen die auf dem Gehweg landen. Der Imbissladen-Besitzer ist auch längst in seine Küche zurückgekehrt. Zum spätem Nachmittag weht nur noch eine kühle Brise an der Ecke Wilhelmstraße/ Schützenstraße. Keine hupenden Autos mehr, keine spielenden Kinder. Und keine „Dumm-Du“-Melodiewelle mehr, die in mein Wohnungsfenster strömt. Irgendwie vermisse ich ihn so langsam. Meinen gewohnten Straßenrhythmus. ≈≈

© Linda Könnecke

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