Liedkonserven und Seelenmusik


Warum CDs von Live-Künstlern daheim anders klingen und Konzerte wirken.

Seine Stimme klang verletzt und zugleich fordernd. Jede zuvor komponierte Liedzeile wirkte wie spontan aus seiner Seele gesprochen. Dabei hatte der Berliner Straßenmusiker am Eingang zum Mauerpark nur einen tragbaren Verstärker in seine Konzertgitarre gestöpselt, selbstgebrannte CDs ausgelegt, losmelodiert und sein Publikum prompt überzeugt. Exklusive Scheibe gekauft, daheim dann Überraschung erlebt.

Klingt anders

Die gleichen Lieder desselben Straßenmusikers abgespielt auf meiner heimischen Anlagen klangen. Ja, irgendwie. Nur ohne Seele. Einzelne, gar alle Stücke waren professionell aufgenommen, keine Frage. Das CD-Heftchen sogar mit ansprechendem Titelbild und ausführlicher Biografie zum Straßenmusiker versehen. Doch etwas fehlte. Die Seele der Musik, die Seele des Künstlers, welche ich noch wenige Stunden zuvor gespürt hatte, als ich nichtsahnend durch Mauerpark geschlendert bin. Passiert nicht selten, dass man einen neuen Künstler live vor Ort und später auf CD hört. Dann mitunter rigoros enttäuscht wird. Kommt oft vor – egal ob beim semiprofessionellen Musiker auf der Straße oder einem musikwirtschaftlich Etablierten, dessen Konzert man zu leidenschaftlich erlebt hat, deren Lieder zuhause aber nicht anklingen. Anders klingen.

In ihrem ursprünglichen Sinne lebt Musik, und damit der ausführende Künstler, davon, gespielt zu werden. In einem aktuellen Moment. Nicht vor oder danach. Neudeutsch: live. Eine schöne Melodie wirkt auch im Studio aufgenommen auf den Hörer, ein tiefsinniger Text erreicht den Geist auch vor der heimischen Anlage. Ebenso die Präsenz eines Künstlers auf abgedruckten Bildern, frei jeder Interpretation.

Trommelaudienz in Steinhöhle

Wie heißt es immer so schön: Lasst das Werk für sich sprechen. Tut es auch. Und doch fehlt bei besagter Musikabspielung von CD, Platte und oder anderem Medium etwas. Das gewisse Etwas. Kaum greifbar und doch für Jeden – unterschiedlich – fühlbar. Die eigentliche Seele von Musik, wie sie seit eh und je besteht. Womöglich bereits seit den ersten Trommelaudienzen eines Neandertalers in seiner Steinhöhle. Jedenfalls lange bevor der Mensch dazu überging, Musik zu konservieren. Es konnte und wollte. Damit sie jederzeit greifbar bleibt. In ihrer ursprünglichen Aura jedoch nur bedingt rekreierbar. Kein noch so professionell abgemischtes Live-Album kann 1:1 wiedergeben, was im Moment eines musikalischen Auftritts gewirkt hat.

Dies ist kein grundsätzliches Plädoyer gegen konservierte Musik. Als leidenschaftliche, gar abhängige Hörerin von Liedern, die mich berühren, kann ich gar nicht ohne Platten. Gerade weil nicht an jeder Ecke ein Musiker steht und für mich spielt. Und überhaupt nicht jeder Künstler meinen Geschmack trifft, geschweige klanglich und textlich mein Herz berührt. Dennoch verneige ich mich vor jedem Musiker, der sich auf eine noch so kleine Bühne stellt und damit sein Leben bestreitet. Insbesondere in Zeiten, da ein Künstler kaum etwas an direkten CD-Verkäufen oder Streaming-Diensten verdient. Wenn überhaupt, dann mit Konzerten und entsprechendem Publikum. Vor Ort, live und im direkten Miteinander. Liegt am Ursprünglichen von Musik, ihrer Seele. ≈≈

© Linda Könnecke

Advertisements

Was meinst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s