Absolutismus im Vegetarismus


Warum ich mich zu keiner Ernährungsweise bekenne, außer dem Bauchgefühl.

Seit fünf, sechs Tagen kein Fleisch mehr konsumiert. Weder als Wurstbelag auf meiner morgendlichen Stulle noch gebraten am Stück als Abendbrot. Ungeplante Nahrungseinschränkung, die mir erst auffiel, als ich gestern im Heidelberger Extrablatt einen „Salat vegetarian“ bestellt und ratzfatz vertilgt hatte. Nach einigen stillen Minuten körperlicher wie auch mentaler Verdauung stieß es mir böse auf: Bin doch kein Vegetarier!

Spontan entscheiden

Wollte mich und werde mich nicht ‚Vegetarier‘ nennen. Bin keiner. Selbst, wenn ich ab heute für den Rest meines kurzen Lebens auf tierische Kost verzichten sollte. Bekommt mir nicht dieser selbst auferlegte Absolutismus. Im Leben planen wir zu oft im Voraus, da sollte wenigstens die tägliche Speisung spontan entschieden und vor allem unbegründet sein. Wir sind weniger angreifbar, wenn wir nicht gleich alles vorher absolutistisch festlegen. Dem Vegetarier kann es passieren, dass es ihm urplötzlich nach Fleisch gelüstet. Dem selbsternannten Sportfreak kann es passieren, dass er auch Monate nach seiner Anmeldung nicht einen Fuß ins Fitnessstudio gesetzt hat. In derartigen Situationen gerät er in schiere Erklärungsnot. Wo der Mensch eh schon dazu neigt, immer alles begründen zu wollen. Kaum eine Handlung eines Einzelnen, die ohne Argumente DES Einzelnen aufkommt. Leider.

Derartigen Begründungen vorangestellt ist meist eine tiefgründige Überlegung: ob, wann, hätte, wäre, wenn ich etwas überhaupt tue. Kluge Herangehensweise für strategische Planer des Jahresurlaubs oder der beruflichen Karriere. Doch besagte Argumentationskette oder  Begründungsendlosschleife findet sich oft in alltäglichen Gesprächen über alltägliche Dinge wie Nahrung, Sport, Kleidung…. „Farbe x kann man jetzt wieder tragen, da habe ich mir den Pullover gleich mal gekauft.“ Und wenn die werte Couleur gerade nicht im Trend liegt, partout nicht kaufen? Wenn die wohl keinesfalls? Sobald ein BMI erreicht, aufhören, sich zu bewegen? Beim nächsten Foodwatch-Ergebnis den Speiseplan erneut umstellen? Die mitgelieferten Begründungen entstammen häufig indoktrinierter Sichtweisen, die für den Einzelnen passen, dennoch oft als allgemeingültig erklärt werden.

Natürlicher Urinstinkt

Viele Alltagsdinge, die nicht existentiell notwendig, entscheidet man besser aus dem Bauch heraus. Sachlich formuliert: aus der Situation heraus. Denn tendenziell konsumiert unser Bauch alles, was wir ihm an (geistiger) Nahrung geben. Manchmal weigert er sich. Respektive vertrauen wir seinem Urteil. Dem berühmten Bauchgefühl. Kommt nicht von ungefähr. Betrachten wir den Bauch nicht als biologisches Organ, das Nahrung verdaut, sondern als die innere Seele eines Menschen, sein natürlicher Urinstinkt. Als solcher beeinflusst er unsere Entscheidungen, neben anderen Faktoren wohlgemerkt.

Wer im Alltag die rationalen Gründe beiseiteschiebt und in sich hinein fühlt, entscheidet in jenem Moment bewusster als der durchgeplante Kopfmensch. Kann dementsprechend überzeugt hinter einer Sache stehen. Selbst, wenn er eine Woche später anders denkt. Rückblickend muss er sich für die vorherige Entscheidung nicht grämen, eben weil es sich zum damaligen Zeitpunkt richtig angefühlt hat. Das muss man dann auch niemandem begründen, geschweige denn als absolutistische Wahrheit bis zum Ende seiner Tage durchziehen. Ist einfach so. Und letztlich bin ich wohl ein Flexitarier. Fleischkonsum nicht heute oder morgen, vielleicht dann und wann.

© Linda Könnecke

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